Nürnberg. Angesichts aktueller Diskussionen in der Landesärztekammer Berlin zur Einführung eines eigenständigen Facharztes beziehungsweise einer Fachärztin für Klinische Akut- und Notfallmedizin warnen die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) und der Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten e.V. (BDA) vor einem grundlegenden Umbau bewährter Weiterbildungs- und Versorgungsstrukturen in der Notfallmedizin. In der Landesärztekammer Berlin soll Anfang Juli über entsprechende Modelle abgestimmt werden.
„Die Stärke der Notfallmedizin in Deutschland liegt gerade in der engen Verzahnung etablierter Fachgebiete. Wer jetzt neue Facharztstrukturen schafft, riskiert eine Zersplitterung bewährter Versorgungswege statt deren Verbesserung“, mahnt Prof. Dr. Alexander Schleppers, Hauptgeschäftsführer von DGAI und BDA.
In einer gemeinsamen Stellungnahme, die der Landesärztekammer Berlin übermittelt wurde, sprechen sich die beiden anästhesiologischen Fachverbände klar gegen die Einführung eines eigenständigen Facharztes für Klinische Akut- und Notfallmedizin aus. Stattdessen plädieren sie für eine konsequente Weiterentwicklung bestehender Qualifikationswege und Zusatzweiterbildungen.
„Die Notfallmedizin ist eine Querschnittsaufgabe, die von der strukturierten, interdisziplinären Zusammenarbeit etablierter Fachgebiete lebt“, heißt es in der Stellungnahme. Notfallpatientinnen und -patienten profitierten maßgeblich von der frühzeitigen Einbindung der jeweils zuständigen Fachdisziplinen. Ein zusätzlich geschaffenes Facharztgebiet könne die fachliche Tiefe bestehender Facharztweiterbildungen und einer darauf aufbauenden Zusatzweiterbildung nicht ersetzen.
DGAI und BDA sehen einen entscheidenden Qualitätsvorteil darin, dass notfallmedizinische Kompetenzen bislang auf der Grundlage einer vollumfänglichen fachärztlichen Ausbildung erworben und in einer Zusatzweiterbildung vertieft werden. Ärztinnen und Ärzte bringen dadurch neben ihrer notfallmedizinischen Zusatzqualifikation zugleich die breite Expertise ihres jeweiligen Stammfaches mit. Gerade diese Verbindung aus fachlicher Breite und zusätzlicher Spezialisierung sichere die hohe Qualität der Notfallversorgung. Ein eigenständiger Facharzt für Klinische Akut- und Notfallmedizin würde diese bewährte strukturelle Verankerung nach Auffassung von DGAI und BDA deutlich schwächen.
Vielmehr sehen DGAI und BDA hierin die Gefahr einer Fragmentierung bestehender Versorgungs- und Weiterbildungsstrukturen. „Die Herausforderungen in der Notfallmedizin lassen sich nicht durch die Einführung eines neuen Facharztes lösen. Notwendig sind vielmehr verbindliche Qualitätsstandards, strukturierte Zusatzqualifikationen und moderne Weiterbildungskonzepte“, betont Prof. Schleppers. „Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels brauchen wir flexible und attraktive Karrierewege statt weiterer Zersplitterung bestehender Versorgungsstrukturen.“
Kritisch sehen die Verbände zudem die strukturellen Folgen eines eigenständigen Facharztes für Klinische Akut- und Notfallmedizin. Ein solches Berufsbild wäre faktisch weitgehend auf die Tätigkeit in Zentralen Notaufnahmen beschränkt und böte nur begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten außerhalb eines hochbelasteten Schichtdienstsystems. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und des zunehmenden Wunsches nach flexibleren Karrierewegen sei dies aus Sicht von DGAI und BDA nicht zukunftsweisend.
Stattdessen sprechen sich die beiden Verbände für die gezielte Weiterentwicklung der bestehenden Zusatzweiterbildung „Klinische Akut- und Notfallmedizin“ aus. Gefordert werden unter anderem bundeseinheitliche Standards, verbindliche Rotationsmodelle, klar definierte Kompetenzprofile sowie strukturierte interdisziplinäre Trainings- und Teamkonzepte in Zentralen Notaufnahmen.
Besonders kritisch bewerten DGAI und BDA mögliche landesrechtliche Alleingänge einzelner Ärztekammern. Ein Facharztgebiet mit weitreichenden Auswirkungen auf Versorgung, Weiterbildung und Personalplanung dürfe nicht durch isolierte Entscheidungen einzelner Bundesländer geschaffen werden. Sollten strukturelle Fragen der Weiterbildungsarchitektur in der Notfallmedizin neu diskutiert werden, müsse dies bundeseinheitlich, transparent und unter Einbindung aller betroffenen Fachgesellschaften und Berufsverbände erfolgen.
„Die Notfallversorgung in Deutschland braucht keine neuen Abgrenzungen zwischen Fachgebieten, sondern verlässliche Qualitätsstandards, moderne Weiterbildungskonzepte und starke interdisziplinäre Zusammenarbeit“, betont Prof. Schleppers. Genau darin liege die Zukunft einer leistungsfähigen Notfallmedizin.
Die Stellungnahme als pdf: pdf Stellungnahme DGAI BDA FA Klinische Akut und Notfallmedizin(127 KB)

