„Wir brauchen schnell wirksame Hilfestellungen“ - Intensivmediziner unter den Anästhesisten senden Notruf an die Politik - „Bei 40 Prozent Belegung durch Covid-19 leiden alle Patienten“

Nürnberg. „Die Politik hat uns die Arbeit auf der Intensivstation in den vergangenen Wochen keineswegs leichter gemacht“, sagt Professor Dr. Frank Wappler, Präsident der „Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin“ (DGAI) kurz vor einer möglichen Entscheidung über neue, bundeseinheitliche Corona-Schutzmaßnahmen. „Wir brauchen schnell wirksame Hilfestellungen!“ Durch den nicht abreißenden Strom an Covid-19-Patienten seien die Ärztinnen und Ärzte auf den meisten Intensivstationen müde und ausgelaugt. Das sehe man ihnen einfach an, berichtet Wappler. Aber trotzdem würden sie natürlich weiterhin alles daran setzen, alle Patienten zu retten!

30 Prozent machbar, ab 40 Prozent Einschränkungen und 50 Prozent heißt Kollaps

„Gut 30 Prozent Belegung mit Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen - wie im Moment - können wir schaffen“, sagt auch Professor Götz Geldner, Präsident des „Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten“ (BDA). „Aber ab 40 Prozent ist kaum noch Regelbetrieb möglich.“ Dann müssten immer mehr Operationen abgesagt und das so gewonnene Personal und die frei gewordenen Räumlichkeiten für die Versorgung der schwer kranken Corona-Patienten verwendet werden. Wären die Intensivstationen in einigen Wochen zur Hälfte mit Covid-19-Patienten belegt, käme das System an seine Belastungsgrenze: Ein nicht auszuschließendes Szenario, dann aber mit unabsehbaren Folgen! Dabei, so Geldner, dürfe man auch jene Patienten nicht vergessen, die durch eine hinausgezögerte Operation zusätzlichen Schaden erleiden oder wegen örtlicher Betten-Knappheit auf Intensivstationen viele Kilometer weit weg transportiert werden müssten.

„Weit entfernt von der Triage“

DGAI-Präsident Wappler und BDA-Präsident Geldner vertreten insgesamt fast 30.000 Anästhesistinnen und Anästhesisten, von denen tausende bundesweit auf den Intensivstationen auch Covid-19-Patienten versorgen und beatmen - inzwischen in der dritten Welle. Die beiden erfahrenen Intensivmediziner sind sich jedoch einig, dass die deutschen Kliniken noch weit entfernt sind von der Triage - dem Zwang zur Entscheidung, welchem Patienten aus Kapazitätsgründen nicht mehr geholfen werden kann: „Wir sind mitnichten schon an diesem Punkt angekommen“, macht Professor Wappler deutlich.

Verlegung in andere Krankenhäuser bedeutet Gefahr für Covid-19-Patienten

Die logistischen Ansprüche seien aber gestiegen, auch an die Anästhesisten, die in vielen Fällen in den Krankenhäusern auch OP-Koordinatoren sind. Die meisten Krankenhäuser hätten noch personelle, strukturelle und räumliche Reserven, auf die sie zurückgreifen könnten. Und dabei sei auch zu bedenken, dass Verlegungen von Covid-19 Patienten in andere Krankenhäuser einen hohen logistischen Aufwand und eine erhebliche, zusätzliche Gefährdung der Patienten bedeute und auch deshalb die Ressourcen in den Krankenhäusern geschont werden sollten.

„Impfen ist hundertprozentiger Schutz vor der Intensivstation“

„Wir brauchen eine sofortige Entlastung des Gesundheitssystems!“, wiederholt Professor Geldner eine Forderung der Mediziner. Schon jetzt sei absehbar, dass es Jahre dauern wird, bis sich Ärzte, Pflegepersonal und Kliniken von der Pandemie erholen. Das müsse nicht noch schlimmer gemacht werden. Als den entscheidenden Ausweg aus der Krise sieht Geldner das Impfen: „Es bedeutet einen hundertprozentigen Schutz vor der Intensivstation“, betont der BDA-Präsident. Deshalb sei es auch sehr zu begrüßen, dass die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte - unter ihnen auch viele Anästhesisten - in die Impfkampagne einbezogen und alle verfügbaren Impfstoffe verwendet würden.

„Bürokratisierung“ und „Überregulation“ bremsen das Impfen

Dieser Forderung schließt sich DGAI-Präsident Wappler an. Er kritisiert die „Bürokratisierung“ und „Überregulation“ bei der Corona-Impfkampagne: „Für die Menschen lassen sich bestimmte Kontakte auch in der Pandemie nicht vermeiden, zum Beispiel am Arbeitsplatz oder beim Einkaufen. Und auch die besten Kontaktbeschränkungen nützen nichts, wenn man die Bevölkerung auf der zweiten Ebene mit dem Impfen nicht schützt!“

Sowohl Wappler als auch Geldner hoffen im Namen tausender Ärztinnen und Ärzte sowie Schwestern und Pfleger auf den Intensivstationen in ganz Deutschland, dass die Politik ihre Warnungen endlich ernst nimmt und sie und die Kollegen in den nächsten Tagen mehr Unterstützung erfahren!

Kontaktdaten:
Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) /
Berufsverband Deutscher Anästhesisten e.V. (BDA)
Roritzerstraße 27, 90419 Nürnberg
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Tel.:0911 93378-33
www.dgai.de / www.bda.de

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