„Weiter ansteigende Zahlen bis mindestens Mitte Januar“ - Überfüllte Intensivstationen zu Weihnachten und Jahreswechsel - Belastung durch schnelle Patientenwechsel, Hoffnung durch Impfungen für Personal

21.12.2020

Nürnberg. „Das werden besonders harte Tage für uns“, sagt Professor Dr. Gernot Marx, Sprecher des „Arbeitskreises Intensivmedizin“ der „Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin“ (DGAI) mit Blick auf die bevorstehende Weihnachtswoche. Die Organisation vertritt mehr als 15.000 Anästhesisten, darunter tausende Intensivmediziner. „In vielen Krankenhäusern durch Covid-19 überfüllte Intensivstationen, weiterhin steigende Infizierten- und Patientenzahlen und dazu die Festtage selbst: Für die Schwestern, Pfleger, Ärztinnen und Ärzte auf den Stationen werden die kommenden beiden Wochen eine noch nie dagewesene Herausforderung und Belastung darstellen!“, zeichnet der erfahrende Intensivmediziner ein bedrückendes Bild.

Erstmals 5000-er Marke überschritten

Noch nie lagen so viele Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland wie zurzeit: Der DIVI-Tagesreport zählte am vergangenen Wochenende mehr als 5000 Patienten. Weit über die Hälfte von ihnen mussten mit Beatmungsschlauch, Beatmungsgerät und Narkose beatmet werden. Vor allem in den ostdeutschen Ländern wie Sachsen und Brandenburg ist die Lage bedrohlich.

„Eine Entspannung ist noch nicht in Sicht“, beurteilt Professor Marx die Situation: „Die Menschen werden sich an den Festtagen weniger als sonst treffen, aber mehr als gut ist.“ Der Experte der DGAI geht davon aus, dass die Zahl der schwer kranken Covid-19-Patienten noch bis mindestens Mitte Januar ansteigen wird: „Wo wir dann landen, kann man nicht sicher sagen.“ Welche Auswirkungen die Mutation des Corona-Virus aus Großbritannien und Südafrika zusätzlich habe, könne man auch noch nicht absehen.

Schnelle Wechsel der Patienten auf den Stationen

Im Moment werde das Personal auch dadurch hoch belastet, dass der Wechsel der Patienten auf den Stationen oft schnell gehe: Während die einen verlegt werden können oder auch versterben, müssen die nächsten schon wieder aufgenommen und komplett versorgt werden, mit Überwachung, Medikamenten, Lagerung, Beatmung, Untersuchungen und Behandlungen: „Das sind derzeit insgesamt pro Tag hunderte.“

Marx begrüßt, dass die Mitarbeiter auf den Intensivstationen und der Anästhesie-Abteilungen in den Krankenhäusern in die erste Gruppe der Impfkandidaten aufgenommen wurden: „Damit entsteht für uns zumindest eine hoffnungsvolle Perspektive. Ein Ende der extremen Belastungsphase wird wahrscheinlicher.“ 


Kontaktdaten:
Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) /
Berufsverband Deutscher Anästhesisten e.V. (BDA)
Roritzerstraße 27, 90419 Nürnberg
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0911 93378-33
www.dgai.de / www.bda.de

„Effekte werden wir erst in Wochen sehen“ - Intensivmediziner aus der Anästhesie hoffen auf Wirkung des Lockdowns - Triage von Patienten unwahrscheinlich, Verlegungen eventuell notwendig

14.12.2020

Nürnberg. Die Intensivmediziner unter den Anästhesisten rechnen vorläufig nicht mit einem Rückgang der Patientenzahlen auf den Intensivstationen. Professor Dr. Gernot Marx, Sprecher des „Arbeitskreises Intensivmedizin“ der „Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin“ (DGAI) und selbst Klinikdirektor in Aachen, sagt im Interview, zunächst werde es bei Spitzenwerten und Extrembelastung bleiben. Die DGAI vertritt tausende Intensivmediziner, die Covid-19-Patienten behandeln und beatmen …

Wie groß ist die Erleichterung über den jetzt angeordneten Lockdown?
Marx:
Die Erleichterung bei mir und unseren Kollegen ist schon sehr groß! Wir begrüßen diese Beschlüsse sehr! Gut ist auch, dass nun bundesweit einheitliche Regeln gelten.

Wie schnell werden die Effekte auf den Intensivstationen spürbar sein?
Marx:
Das wird noch eine ganze Zeit dauern. In den nächsten Tagen und wahrscheinlich auch Wochen werden wir erst mal einen weiteren Anstieg der Patientenzahlen auf den Intensivstationen haben, auf weit über 5000. Frühestens zwei Wochen nach Beginn des Lockdowns werden wir eine Wirkung erkennen können. Die Entwicklungen sind insgesamt aber ungewiss.

Es war aber wichtig, dass der Lockdown noch vor Weihnachten kommt?
Marx:
Ja, ganz bestimmt! Die Stationen, die Pflegekräfte und Ärzte, können einfach nicht mehr! Die weiteren Folgen der Pandemie ohne einen kompletten Lockdown hätten wir kaum verkraften können.

Ist der komplette Lockdown für Sie und Ihre Kollegen zu spät gekommen?
Marx:
Ich würde sagen: Wir sollten den Blick jetzt nach vorne richten. Es war wichtig, dass die politisch Verantwortlichen uns Intensivmedizinern zugehört haben und unseren Empfehlungen gefolgt sind. Wir haben auch Verständnis dafür, dass die Regeln erst ab dem kommenden Mittwoch gelten, weil die Beschlüsse ja noch durch die Länderparlamente gehen und noch andere Vorbereitungen getroffen werden müssen.

Was erleben Sie in diesen Tagen auf Ihrer Intensivstation?
Marx:
Ich sehe dort viele, wirklich schwerkranke Menschen, mit Lungenversagen oder auch mit Nierenversagen. Immer noch jüngere und ältere Patienten gemischt. Und auf der anderen Seite sehe ich immer noch sehr motivierte Schwestern, Pfleger, Ärztinnen und Ärzte. Auch damit deren letzte Reserven nicht aufgebraucht werden, ist der Lockdown bis Januar jetzt wichtig!

Wie ist die Situation mit den Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland zurzeit?
Marx:
Wir haben jetzt jeden Tag neue Spitzenwerte. Das sind extreme Belastungen, die hoffentlich bald nachlassen. Denn das kann auf diesem Level nicht mehr endlos weitergehen, auch nicht mit dem zusätzlichen Personal, das wir in unserer Klinik zum Beispiel aus den Reihen der Medizinstudenten jetzt wieder einsetzen. Dazu ist aber auch zu sagen, dass die Belastungen regional durchaus noch unterschiedlich sind. Am stärksten betroffen sind die Krankenhäuser in Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, aber auch in Bayern. Und hier gibt es nicht nur organisatorische Probleme, sondern auch ernste finanzielle Sorgen, wie die Forderung aus Thüringen und Sachsen-Anhalt zeigt, dass die Freihaltepauschalen in den nächsten Tagen umgesetzt werden müssen.

Werden von dort auch schon Patienten in Kliniken in andere Regionen verlegt?
Marx:
Sicherlich nicht im großen Maße. Im Einzelfall kann das erforderlich sein. Das könnte in den nächsten Tagen aber zunehmen. Dann haben wir aber auch Abläufe und Experten, mit denen wir solche Verlegungen immer schon mal gemacht haben.

Ist die Triage von Patienten auf den Intensivstationen ausgeschlossen?
Marx:
Ja, mit großer Wahrscheinlichkeit. Es ist davon auszugehen, dass wir die Pandemie unter diesen extremen Umständen überstehen werden. Aber möglicherweise werden wir noch die Reserve der rund zwölftausend Notbetten zur Versorgung der Intensivpatienten antasten müssen.

Wie blicken Sie und Ihre Kollegen jetzt auf Weihnachten und den Jahreswechsel?
Marx:
Das werden diesmal natürlich völlig andere Festtage werden als in anderen Jahren. Wir haben zum Beispiel eine Intensivstation, die wir normalerweise zum Jahreswechsel schließen, die jetzt aber unbedingt aufbleiben muss. Es bleibt der Appell an die Menschen, auf alle Kontakte zu verzichten, die nicht existentiell wichtig sind! Covid-19 ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, auch für Menschen, die im Moment vielleicht nicht auf der Intensivstation landen!

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JUS-Letter Dezember 2020

Neue Ausgabe des BDAktuell JUS-Letters mit folgenden Themen:

CIRS-AINS Fall des Monats Quartal 4/2020

Neue Ausgabe des CIRS-AINS Fall des Monats

PSU HELPLINE: Kollegen helfen Kollegen - Psychosoziale Unterstützung für Mitarbeitende im Gesundheitswesen

PSU HELPLINE: Kollegen helfen Kollegen - Psychosoziale Unterstützung für Mitarbeitende im Gesundheitswesen bei besonderen Belastungen und schwerwiegenden Ereignissen